{"id":30210,"date":"2019-10-25T09:21:29","date_gmt":"2019-10-25T07:21:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.aki-goettingen.de\/?p=30210"},"modified":"2019-10-25T09:31:33","modified_gmt":"2019-10-25T07:31:33","slug":"erstes-forum-fuer-chinesischlehrerinnen-in-goettingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aki-goettingen.de\/zh-hans\/erstes-forum-fuer-chinesischlehrerinnen-in-goettingen\/","title":{"rendered":"Erstes Forum f\u00fcr Chinesischlehrer*innen in G\u00f6ttingen"},"content":{"rendered":"<p>Am Donnerstagnachmittag, den 22.08.2019, wurde in den R\u00e4umlichkeiten der Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen das erste Chinesisch-Lehrer*innenforum von Prof. Dr. Andreas Guder er\u00f6ffnet. Dieser hob in seiner Begr\u00fc\u00dfungsrede den besonderen Charakter dieses Forums hervor, da die mehrt\u00e4gige Veranstaltung speziell zum kollegialen Austausch in der Ausbildung befindlicher und junger Chinesischlehrer*innen und zur Vermittlung fachspezifischer Inhalte durch die geladenen Referentinnen diente. Mit einer Teilnehmerzahl von \u00fcber 20 Personen, welche sich zu etwa gleichen Anteilen aus Studierenden, Lehrer*innen und anderweitig Dozierenden zusammensetze, lagen die besten Voraussetzungen f\u00fcr einen anregenden Austausch und Kompetenzerweiterung vor.<\/p>\n<p>Den ersten Nachmittag des Forums gestaltete Frau Dr. JIN Meiling (Sinologie Universit\u00e4t Frankfurt) mit einem auf die Lehrt\u00e4tigkeit zugeschnittenen Aussprachetraining, gest\u00fctzt durch eine Einf\u00fchrung in das Thema Phonetik. Zu Beginn f\u00fchrte Frau Dr. Jin mit jedem\/r nicht-muttersprachlichen Teilnehmenden einzeln einen kurzen Aussprachetest mit pers\u00f6nlichem Feedback durch. Daran ankn\u00fcpfend stellte sie in einem Vortrag m\u00f6gliche Faktoren f\u00fcr Ausspracheprobleme vor, wie muttersprachlichen Transfer in die Zielsprache, Ersetzungen aus anderen Fremdsprachen, fehlerhafte Artikulationsangewohnheiten, psychologische Faktoren, Ausweichstrategien, sowie die Fossilisierung von Aussprachefehlern w\u00e4hrend des Lernprozesses. Im Anschluss daran wurde zun\u00e4chst vertiefend auf die Themen Transfer und Interferenzen zwischen Deutsch und Chinesisch eingegangen. Frau Jin stellte anhand von Beispielen wie Frage- und Aussages\u00e4tzen dar, wie h\u00e4ufig deutscher Wortakzent auf chinesische Silbenkombinationen \u00fcbertragen oder deutsche Satzmelodie auf chinesische S\u00e4tze angewendet wird und wie dies zu Aussprachem\u00e4ngeln f\u00fchren kann. Daraus wurde geschlussfolgert, dass Prosodie und Intonation als Fehlerquelle im fremdsprachlichen Chinesischunterricht nicht vernachl\u00e4ssigt werden d\u00fcrfen. Anschlie\u00dfend gingen die Teilnehmenden in eine Praxisphase \u00fcber, in welcher sie \u00dcbungen zu Prosodie und Intonation chinesischer S\u00e4tze bearbeiteten. Neben der praktischen Ein\u00fcbung der S\u00e4tze in Partnerarbeit wurde die Plenumsdiskussion daf\u00fcr genutzt, die S\u00e4tze hinsichtlich ihres Schwierigkeitsgrades f\u00fcr Chinesischlernende zu diskutieren. Hierbei wurde die Segmentierung und Pausensetzung in chinesischen S\u00e4tzen als wesentliche Herausforderung f\u00fcr Chinesischlernende herausgestellt. Zum Abschluss bot Frau Jin didaktische Vorschl\u00e4ge und \u00dcbungsmethoden f\u00fcr den Chinesischunterricht an. Generell sollten Lehrkr\u00e4fte die Aufmerksamkeit der Lernenden weniger auf die richtige Artikulation einzelner Laute und Silben lenken, sondern verst\u00e4rkt auf ganze \u00c4u\u00dferungen in verschiedenen Kommunikationssituationen, um auch Prosodie und Intonation des Chinesischen auf nat\u00fcrliche Art und Weise zu vermitteln. \u00a0Als Unterrichtsmethoden bieten sich Aussprache\u00fcbungen an, die sich gezielt mit unterschiedlichen Betonungsmustern und Tonh\u00f6hen befassen, sowie das explizite Aufsagen emotionsgeladener S\u00e4tze oder auch Tang-Gedichte, um Tonkombinationen zu verinnerlichen. Neben Drill\u00fcbungen sollte auch das \u00dcben von Wort-Segmentierung und Pausensetzung auf Satz- und Textebene im Chinesischunt<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-30214 alignright\" src=\"https:\/\/www.aki-goettingen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/IMG_5687_HP.jpg\" alt=\"\" width=\"445\" height=\"296\" \/>erricht seine Ber\u00fccksichtigung finden.<\/p>\n<p>Den zweiten Tag des Forums gestaltete Kathleen Wittek (Bettina-von-Arnim-Schule Berlin-Reinickendorf) zur Entwicklung interkultureller kommunikativer Kompetenz im Chinesischunterricht an Schulen. Frau Wittek begann mit einem Vortrag, in welchem sie einen historischen Abriss der Entwicklung von Modellen der interkulturellen Kompetenz lieferte, die aus verschiedenen Forschungsfeldern wie Anthropologie, Psychologie und Linguistik stammten. Die vorgestellten Modelle umfassten das Modell der Kulturen und das Eisbergmodell von Hall\/Hall (1990), das Zwiebelschalenmodell von Trompenaars (1998) sowie die Kulturdimensionen nach Hofstede (2006). Gemeinsam war diesen Modellen zwar ihr Nutzen zur gezielten Untersuchung von Kulturen, jedoch auch die Kritik, dass diese Anwendung starrer Modelle Stereotypisierungen beg\u00fcnstige. Im Folgenden fanden auch die Forschungsbereiche der interkulturellen Bildung und der interkulturellen Kommunikation sowie die Kulturstandards von Alexander Thomas (Thomas et al. 2005) ihre Erw\u00e4hnung. Als letzter Punkt des Vortrags wurde das Modell der interkulturellen kommunikativen Kompetenz von Byram (1997) vorgestellt. Besonderer Fokus lag dabei auf der Beschreibung der \u201esavoirs\u201c und dem Problem der Messbarkeit interkultureller kommunikativer Kompetenz. Das Modell von Byram findet Anwendung in den Kernlehrpl\u00e4nen, in welchen als oberstes Ziel des Fremdsprachenunterrichts die Ausbildung der interkulturellen fremdsprachigen Handlungsf\u00e4higkeit, die sich aus kommunikativen, methodischen und interkulturellen Kompetenzen zusammensetzt, hervorgehoben wird.\u00a0 Aufgabe der anschlie\u00dfenden Arbeitsphase war es, in Gruppen zu diskutieren und zu er\u00f6rtern, wie interkulturelle Themen, beispielsweise Familiennamen, Wohnsituationen und Schulsystem, im Unterricht didaktisiert und vermittelt werden k\u00f6nnten. Nach der Vorstellung der Ergebnisse der Ausarbeitungen der einzelnen Gruppen wurden in der n\u00e4chsten Arbeitsphase die Lehrwerke <em>Ni Shuo ne<\/em> und <em>Tongdao<\/em> bez\u00fcglich der Vermittlung interkultureller Kompetenzen kritisch gepr\u00fcft. Hierbei konnte herausgearbeitet werden, dass hinsichtlich der Vermittlung interkultureller Kompetenzen zu wenige und veraltete Texten zu finden waren und Selbstreflexion in den Aufgabenstellungen kaum gef\u00f6rdert wurde. Nichtsdestotrotz wurde das Lehrwerk <em>Tongdao<\/em> als positives Beispiel hervorgehoben, da hier diverse kulturelle Themen auch mithilfe visueller Unterst\u00fctzung aufgegriffen werden. Im letzten Teil des Workshops konnten sich die Teilnehmenden \u00fcber unterrichtserg\u00e4nzende Materialien zur Vermittlung (inter)kultureller Kompetenzen austauschen. Hierbei wurde \u00fcber die M\u00f6glichkeit diskutiert, neben Comics und Filmen im Unterricht auch au\u00dferschulische Lernorte zu nutzen. Abschlie\u00dfend wurden Beispiele von diskontinuierlichen Texten gegeben und auch \u00fcber deren Einsatz im Chinesischunterricht diskutiert.<\/p>\n<p>Am letzten Tag des Forums stellte Frau Dr. Antje Benedix (Remscheid) ihre Erfahrungen mit der Methode \u201eSimulation Globale\u201c im Chinesischunterricht vor. Zun\u00e4chst stellte Frau Benedix in einem Vortrag den historischen und theoretischen Hintergrund der \u201eSimulation Globale\u201c vor, welche in Frankreich im Kontext der kommunikativen Wende in den 1970ern entwickelt wurde. Sie wird definiert als ein gemeinsames kreatives Projekt im Fremdsprachenunterricht, bei dem die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler f\u00fcr eine l\u00e4ngere Zeit fiktive Rollen einnehmen und diese ausgestalten k\u00f6nnen (Car\u00e9 und Debyser 1995). Im Unterschied zu Rollenspielen gibt es bei der \u201eSimulation Globale\u201c keine Vorf\u00fchrungen, sondern im Vordergrund steht vor allen Dingen die Probleml\u00f6sung. Dabei werden die Lernenden als ganze Person mit ihren eigenen Emotionen, W\u00fcnschen und Ideen eingebunden und verf\u00fcgen \u00fcber viele Freir\u00e4ume, um eigene Ideen zu entwickeln. Im Gegensatz zu dramap\u00e4dagogischen Ans\u00e4tzen ist die \u201eSimulation Globale\u201c also \u201eRealit\u00e4t\u201c. Als offener, ganzheitlicher und l\u00f6sungsorientierter Ansatz kann sie die Motivation steigern und das Selbstbild der Lernenden ber\u00fccksichtigen, die dadurch mehr Interesse und Spa\u00df am Unterricht entwickeln und quasi \u201enebenh<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-30224 alignleft\" src=\"https:\/\/www.aki-goettingen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/IMG_5594_HP.jpg\" alt=\"\" width=\"379\" height=\"252\" \/>er\u201c beispielsweise neuen Wortschatz erwerben. Au\u00dferdem werden in einer \u201eSimulation Globale\u201c alle Lernenden eingebunden, der sprachliche Umsatz erh\u00f6ht und eine Automatisierung von Sprachfertigkeiten gef\u00f6rdert. Nicht zuletzt erm\u00f6glicht die \u201eSimulation Globale\u201c den Lernenden ein besseres Einf\u00fchlen in die Zielkultur, was die interkulturelle Kompetenz f\u00f6rdert. Nachteile dieser Methode bestehen beispielsweise darin, dass die gruppendynamischen Entwicklungen w\u00e4hrend der Simulation nur schwer kontrollierbar sind, sowie in der schweren Operationalisierbarkeit und dem hohen zeitlichen Aufwand bei Vorbereitung und Durchf\u00fchrung der Simulation. Daraufhin versuchten sich die Teilnehmenden selbst an der Erstellung einer \u201eSimulation Globale\u201c f\u00fcr den Chinesischunterricht. Hierbei konnten wichtige Aspekte herausgearbeitet werden, die es bei der Erstellung einer Simulation Globale zu beachten gibt: Der erste Schritt ist das Festlegen des Settings, wie beispielsweise ein Wohnblock in Beijing, in dem verschiedenste Figuren vorkommen (Eltern, Kinder, Alleinstehende, Senioren usw.). Die Lehrkraft kann dabei grobe Vorgaben machen oder mehrere Figuren einer Wohngruppe oder Familie zuordnen. Es bleibt jedoch die Aufgabe der Lernenden, ihre Rolle, bei der beispielsweise nur Name, Alter, Beruf und Familienstand vorgegeben sind, mit Leben zu f\u00fcllen. W\u00e4hrend der Simulation muss die Lehrkraft die Lernenden immer wieder mit Aufgaben versorgen: Dies k\u00f6nnen Ereignisse und Probleme sein, welche die Lernenden dann in der Interaktion mit anderen l\u00f6sen m\u00fcssen, wie zum Beispiel die Planung eines Ausflugs, der Umgang mit einer Krankheit, die Kl\u00e4rung eines Streits, etc. Zur Ergebnissicherung der Simulation Globale bieten sich beispielsweise Tagebucheintr\u00e4ge oder andere schriftliche Formen an, in denen die Lernenden das Erlebte nacherz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Im Gespr\u00e4ch mit den Teilnehmenden des Workshops machte Frau Benedix deutlich, dass nur sehr wenig visueller Input n\u00f6tig sei, um die Simulation am Laufen zu halten, da die Lernenden bereitwillig ihre eigene Phantasie benutzen w\u00fcrden. Hilfestellung bei ben\u00f6tigten Vokabeln sei allerdings elementar \u2013 dies kann zum Beispiel durch Vokabellisten, durch das direkte Gespr\u00e4ch zwischen Lehrkraft und Lernenden oder durch die Lernenden selbst, zum Beispiel durch Verwendung eines W\u00f6rterbuchs, gel\u00f6st werden. Eine Kombination von \u201eSimulation Globale\u201c und Unterricht mit einem Lehrwerk kann das Problem der fehlenden Redemittel und Vokabeln ebenfalls abschw\u00e4chen. Beschlossen wurde der Tag mit der Vorstellung der Ergebnisse und der Zusammenfassung der gemeinsam gewonnenen Erkenntnisse zur Erstellung einer Simulation Globale im Kontext des Chinesischunterrichts.<\/p>\n<p>Das Forum wurde von allen Teilnehmern als gro\u00dfer Gewinn f\u00fcr die eigene Lehrt\u00e4tigkeit betrachtet, und es wurde allseits der Hoffnung Ausdruck verliehen, ein solches Forum auch 2020 durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Caroline Schake<\/p>\n<p>(in Zusammenarbeit mit Alice Cheng, Jonas Schmid und Timm Tondorf)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Literaturverzeichnis<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Byram, Michael (1997), <em>Teaching and Assessing Intercultural Communicative Competence<\/em>, Bristol: Multilingual Matters.<\/p>\n<p>Car\u00e9, Jean-Marc; Debyser, Francis (1995), <em>Simulations Globales<\/em>: CIEP.<\/p>\n<p>Hall, Edward T.; Hall, Mildred (1990), <em>Understanding Cultural Differences, <\/em>Yarmouth, Maine: Intercultural Press.<\/p>\n<p>Hofstede, Geert (2006), <em>Lokales Handeln, globales Denken. Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Managemen<\/em>t, M\u00fcnchen: dtv.<\/p>\n<p>Thomas, Alexander; Kinast, Eva-Ulrike; Schroll-Machl, Sylvia (Hrsg.) (2005), <em>Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation. <\/em><em>Band 1: Grundlagen und Praxisfelder<\/em>, G\u00f6ttingen: Vandenhoek&amp; Ruprecht.<\/p>\n<p>Trompenaars, Fons; Hampden-Turner, Charles (1998), <em>Riding the Waves of Culture: Understanding Cultural Diversity in Business<\/em>, New York: McGraw Hill.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Donnerstagnachmittag, den 22.08.2019, wurde in den R\u00e4umlichkeiten der Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen das erste Chinesisch-Lehrer*innenforum von Prof. Dr. Andreas Guder er\u00f6ffnet. 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